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Zur Erinnerung an die Meerkatze "Coco", die ich in dem Dorf Kapanga des ehemaligen Belgisch Kongo im Januar 1959 vor dem sicheren Tod  gerettet habe, und die nach meiner Heimkehr aus Zentralafrika im Hause meiner Eltern in Marienheide noch 17 Jahre lang ein vergnügtes Leben verbrachte.

In den Vormittagsstunden des 1. Januar 1959 entdeckte ich das kleine Äffchen, das von den eingeborenen Kindern der Ortschaft Kapanga im südlichen Kongo an einen Baum gebunden stark verwundet an einer dünnen Schnur zerrte. Dieser Strick sollte dem Affenbaby das Fortlaufen unmöglich machen, hatte sich jedoch durch das fortwährende Zerren und Springen des Tieres in den zarten Unterleib eingeschnitten. Die offene Wunde reichte fast um den ganzen Körper und war schon einen Zentimeter tief und ebenso breit. Hätten die Kinder des Dorfes dem kleinen Wesen die Schnur um den Hals gelegt, wäre wahrscheinlich jede Hilfe zu spät gewesen. Aber so hatte sich die Schlinge um die Hüfte durch die Knochen nicht zugezogen. Für ein paar Münzen wurde ich plötzlich zum "Weißen Medizinmann". Hatten sich schon während der Reise meine Augentropfen, Schmerztabletten und Salben recht nützlich gezeigt, die ich an die Eingeborenen entlang dem Weißen Nil und bei den Pygmäen im Ituri-Regenwald verteilt hatte, so kamen jetzt die übrigen Arzneimittel zur Anwendung. Die Schnur schnitt ich vom Baum ab und nahm die junge Meerkatze, die sich anfangs verzweifelt und voller Angst an meiner Hand festbiß, zu der schilfbedeckten Lehmhütte, in der ich Unterkunft gefunden hatte. Der Strick war tief in das Fleisch eingedrungen und darüber hatte sich eine aus Blut und Schmutz vermischte Kruste gebildet. Von den Einheimischen ließ ich Wasser anwärmen und säuberte zunächst die Wunde, und mußte das verängstigte Tier vor dem Wegspringen bewahren. Rundum schnitt ich die weißen Haare am Bauch ab und entfernte mit Hilfe einer Pinzette die Schnur aus dem Fleisch. Später wagte ich sogar, die hauchdünne bläuliche Haut des Tieres mit einigen Zwirnsfäden zusammen zu ziehen. 

Und mittlerweile bemerkte ich, wie verständnisvoll und mit welch rührenden Augen mich das arme Geschöpf dabei ansah. Bei den weiteren Behandlungen der nächsten zwei Wochen am Morgen und Abend legte sich "Coco", so taufte ich die junge Dame aus der Familie der "Blauen Meerkatzen", geduldig und abwartend auf den Rücken. Es sah niedlich aus, wenn sie die Arme und Beine von sich streckte. Sie hatte wohl verstanden, daß ich ihr half und wollte nicht im Wege sein. Zur Heilung und Pflege benötigte ich außer Wasser, Schere und Pinzette noch Kaliumpermanganat, Penizillinsalbe und Puder. Verbandszeug wie Mullbinden usw. hatte ich als Weltreisender stehts im Gepäck. Nach sieben Tagen war die Wunde schon fast geschlossen. Jeden Morgen ließ ich in dem jeweiligen Dorf unserer Übernachtung angewärmtes Wasser bringen, tupfte die kranken Stellen ab und legte eine neue Mullbinde an. Was mögen die eingeborenen Kongolesen gedacht haben, wenn ich mit "Coco" durch deren Dörfer kam, wo sie selbst diese Tiere mit den Pfeilen von den Bäumen holten und wie bei uns die Kaninchen am Spieß brieten. Anfangs trug meine Begleiterin ein breites Lederband um die Taille, damit die Leine, an der ich "Coco" durch die Lande führte, nicht neues Unheil anrichtete.

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Gern saß "Coco" auf meinem Gepäck mir im Nacken, wenn ich laufen mußte und auf die nächste Mitfahrergelegenheit wartete.
"Coco" war monatelang auf der Reise durch Zentral- und Ostafrika meine ständige Begleiterin und schlief auch im Zelt.

Unterdessen lag Elisabethville hinter uns und die interessante Reise ging per Tramp zum Norden den zentralafrikanischen Graben entland bis zum Albert-See. Mit der Verpflegung hatte "Coco" weniger Schwierigkeiten als ich, denn mir quollen die Bananen, Papayafrüchte, Ananas und Manjiok schon aus den Ohren, während sie diese Nahrung sehr schätzte. Den Ort Kasenye am westlichen Ufer des Albert-Sees erwähne ich deshalb, weil "Coco" in der nahen Savanne zum ersten Mal frei umherlaufen durfte. Ich hatte gehört und bei Monsieur de Medina am Epulu-Fluß auch gesehen, daß Affen wieder zurück kehren, wenn sie sich einem Menschen angeschlossen haben. So war ich recht froh, als "Coco" beim Versuch ihres ersten freien Ausgangs schon nach kurzer Zeit vor mir saß und treu emporblickte, damit ich die Hand ausstreckte. Recht amüsant war es dann unterwegs auf einer Piste im Wald oder Savanne, wenn ein Wagen hielt um mich ein Stück mitzunehmen, wenn ich den Fahrer um Geduld bitten mußte, da mein Affe noch auf dem nächsten Baum saß. Aber so bald ich in den Wagen eingestiegen war, saß "Coco" mit einem geübten Sprung auf dem Fahrzeug und fand den Weg etwas schluchzend auf meinen Arm. Dieses Spielchen wiederholte sich hundertmal später auch in den Wäldern des Bergischen Landes.

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Nach und nach wurden die Ausflüge des "Makako", so nannten ihn die Eingeborenen, immer länger. Aber nie verlor sie mich aus den Augen. Daraus ergaben sich dann nette Spielchen, wenn ich nämlich fortlief oder mich hinter einem mächtigen Baum versteckte. Aber Affen, insbesondere diese Meerkatzen sind ja so schlau, daß jeder Versuch sie hereinzulegen scheiterte.

Gemeinsam ging die Reise weiter durch Uganda, Kenia, Tanganjika und Ruanda-Urundi. An dieser Stelle muß ich gestehen, daß an den Grenzübergängen nie ein Amtsmann  das kleine Tier gesehen hat. Der Grund dafür war die Angst, es könnte mir jemand "Coco" wegnehmen. Meine treue Reisegefährtin erlebte den Äquator, spazierte über den Nildamm bei Djinja, sah den Victoria-See und tauchte die behaarte Hand scheu in die warmen Gewässer des Indischen Ozeans. Als ich am Fuße des Kilimandjaro stand und den schneebedeckten Kibokrater erblickte, war meine Sehnsucht, den höchsten Berg Afrikas zu besteigen, nicht zu bekämpfen. "Coco" mußte einige Tage in den großen Affen-Käfig des Kibo-Hotels. Welche Traurigkeit und Sehnsucht sich während dieser Zeit im Herzen des Tieres abspielte, mag unseren menschlichen Gefühlen sehr ähnlich gewesen sein. Daß ein Affe seelischen Kummer erleiden kann, erfuhr ich nach meiner Rückkehr nach sechs Tagen. Die damalige deutsche Leiterin des Kibo-Hotels, die herzensgute Frau Brühl, war während dieser Tage so nett zu "Coco" gewesen. "Coco" konnte mit vier anderen Genossen im Käfig spielen und wurde gut verpflegt, aber sie steigerte sich in eine Traurigkeit, von der sie sich nur langsam erholte. Nie werde ich vergessen, welche Mühe ich damit hatte, sie von dieser Traurigkeit zu erlösen. Ganz allmählich sprang sie wieder auf meinen Schoß, umfaßte meinen Hals und zwickte mich in die Wange. Dabei schluchzte sie, dann schien sie mit leicht geöffnetem Mund zu lächeln, und begann mich wieder zu lausen, d.h. mit hörbarem Schmatzen nach kleinen Fusseln und Schuppen zu suchen. Von den Herren des deutschen Generalkonsulats in Nairobi wurden wir beide herzlich empfangen. Der damalige Generalkonsul ließ es sich nicht nehmen, der fröhlich keckernden Besucherin aus dem fernen Kongo die Hand zu schütteln. Daß "Coco" später zum Dank dafür ein Bächlein auf den bunten Teppich fließen ließ, war mir noch lange Zeit sehr peinlich. Aber für diese Art Ordnung haben nun mal Affen keinen Sinn, und auch nach einigen Jahren hat sie das nicht gelernt.

Nach erneutem Durchstreifen des Kongo von Ost nach West, also über Luluabourg bis Léopoldville, sah ich dort die ersten Schwierigkeit für Cocos Weiterreise. Wie sollte ich sie nach Deutschland mitnehmen?  

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Zuvor hatte ich im Kongo das lustige Erlebnis mit einem Globetrotter aus der Schweiz, daß wir auf dem Lande wegen seines Schweizer Wimpels nach Medikamenten gefragt wurden. Viele Einheimische dachten, wir kämen vom Roten Kreuz.

Weil zu dieser Zeit Angola eine Provinz von Portugal war, gab es keinerlei Probleme von Luanda aus die Heimreise mit dem Schiff anzutreten. Allerdings war die Voraussetzung für "Coco" als Begleitperson die Beschaffung eines Käfigs, damit das Tier an Bord keinen Unfug anrichten konnte. 

Dann fanden wir durch die Hilfe der Deutschen Botschaft in Luanda ein weißes portugiesisches Schiff, an dessen Deck ich mein Zelt aufbauen durfte und mit meiner Affendame "Coco" für 10 Tage bis Lissabon ein freundschaftliches Verhältnis zu der Mannschaft hatte. Das war selbst für die Offiziere eine einmalige Abwechslung und brachte viel Spaß.

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Zunächst beschaffte ich für mich und auch für "Coco" des erforderliche Touristenvisum zur Einreise nach Angola. Die Portugiesische Botschaft erhob für beide Visa die gleiche Gebühr, denn wir reisten wohl als gleichberechtigte Erwachsene in die portugiesische Provinz zur Weiterreise ins Mutterland ein. In der Hafenstadt Luanda hoffte ich auf ein geeignetes Schiff für die weite Seefahrt. Ein Gesundheitszeugnis, sozusagen als Ersatz für meinen gelben Impfausweis, hatte ich für "Coco" bereits in Elisabethville ausstellen lassen.

Bei Besuchen oder Fotopausen war "Coco" am jeweiligen Fahrzeug stets angebunden und ließ mich nicht aus den Augen.
Artgenossen mit schwarzem Gesicht waren für sechs Tage im Käfig des Kibo-Hotels "Cocos" Spielgefährten, während ich den Kilimandscharo bestieg.
Das portugiesiche Visum für "Coco" zur Einreise nach Angola.
Das Gesundheitszeugnis vom 5. Januar 1959 aus Elisabethville Provinz Katanga war notwendig zur Visabeschaffung in Léopoldville.
Die Begegnung mit einem Globetrotter aus der Schweiz kostete uns wegen der Verwechslung seines Wimpels die restlichen Medikamente.
"Coco" war nun im Käfig, während wir gemeinsam auf das Schiff warteten, das uns nach Lissabon brachte.

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In Lissabon angekommen, nahm niemand Anstoß an dem Blauaffen, der mittlerweile einige Zentimeter gewachsen war. Überall waren wir gern gesehen und fanden freundliche Aufnahme. Spazierten wir über die bunten Märkte der Orte in Spanien, konnte ich mit von den überreichten Gaben wie Obst und Gemüse zehren. Auch denke ich an die zahlreichen deutschen Touristen, die erstaunt und neugierig vor unserem Zelt stehen blieben, wenn "Coco" morgens als Erster heraus schlüpfte.

Und als mich nach zweijähriger Reise beim frohen Wiedersehen  meine Mutter umarmte, wurde sie gleich an der Haustür von "Coco" gebissen. Nun stellte es sich im Laufe der Zeit heraus, daß dieser Angriff keineswegs bösartig gemeint war. Es handelte sich lediglich um angeborene Eifersucht. Es durfte mich nie eine weibliche Person anfassen, wenn die Affendame frei umherlief. Sie lebte noch viele Jahre frisch und munter im Kreise unserer Familie und hatte es bestimmt sehr gut.

Ihre schönste Zeit begann mit dem Frühling. Täglich ging es bei gutem Wetter in die nahegelegenen Laubwälder. Dort konnte "Coco" abseits von jeglichem Verkehr stundenlang in den Baumwipfeln springen und toben. Abgesehen von der Notwendigkeit, sie frei in der Natur turnen zu lassen, war die Nahrungssuche von großer Wichtigkeit. Sie fing Spinnen, Käfer und Raupen, auch diverse Blättchen und Blüten. Im hohen Gras richtete sie sich auf den Beinen hoch auf, wenn sie nach fremden Lauten lauschte oder eine Heuschrecke fing. Sie liebte die zarten Gräser. Auf dem Boden blieb sie nur eine kurze Zeit, dann verschwand sie schon wieder im Schutze des dichten Laubes und sprang von Ast zu Ast.

Wir bauten ihr einen größeren Käfig aus Bambusstangen und Maschendraht direkt am Fenster, damit sie am Leben in unserer Küche, als auch am Straßenverkehr sehr stark interessiert, teilnehmen konnte. Blickte eine Person von der Straße zu ihr herauf, stellte "Coco" die seelische Verbindung durch ungezählte Verbeugungen her. Dabei schnatterte sie leise. Flogen plötzlich einige Vögel vorbei oder tauchte ein Flugzeug am Himmel auf, dann stieß sie erschreckendes Gekrächze hervor. Das passierte auch, wenn ein Beerdigungszug mit vielen dunkel bekleideten Menschen oder gar ein Pferdegespann vorbei zogen. Besonders erregt war sie beim Anblick von Personen in Uniform, etwa einem Briefträger oder Polizisten. Nach unserem Umzug von Radevormwald nach Marienheide in unser neues Einfamilienhaus, erhielt "Coco" außer dem Käfig im Wohnzimmer einen Zweiten auf der Terrasse mit Blick in den Garten am Waldesrand. Beide waren durch eine Öffnung mit Klappe verbunden. Ein festes Brett war an den Baumstämmen befestigt, auf dem sie nachts schlief oder sich tagsüber stundenlang sonnte. Jeden Tag mußten die ausgelegten Zeitungen auf dem Boden entfert werden, um die Käfige sauber zu halten.

Täglich mehrfach, auch während unserer Mahlzeiten, durfte sich "Coco" in Küche, Flur oder einem der Zimmer frei bewegen. Das war ihr immer ein großes Vergnügen und sie genoß das in vollen Zügen. Dabei ging es oft über die Möbel und Gardinenstangen. Blumenvasen und kleinere Dinge mußten vor ihr in Sicherheit gebracht werden. Das Stibitzen war ihre Leidenschaft. Deshalb waren auch alle Andenken, die sich im Laufe der Zeit angesammelt hatten, mit Draht angebunden oder fest vernagelt. Mit Vorliebe hing sie Bilder von den Wänden und ließ sie fallen. Sämtliche Bilder und Fotografien mußten unabnehmbar angebracht werden. Wie ein Kühlschrank geöffnet wurde, hatte sie bald von uns abgesehen. Mit Freude ließ sie ein entwendetes Ei vom Schrank auf den Boden fallen, um das Eigelb zu schlecken. Sehr begehrt waren gefüllte Pralinen, die wir immer gut verstecken mußten. Ihre Lieblingsnahrung war am Morgen ein Näpfchen mit warmer Milch und angerührte Haferflocken mit Honig. Dafür sorgte unser Vater, bevor er ins Geschäft fuhr.

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Wir schenkten unserem kleinen Mitbewohner ein Gummipüppchen und dachten, sie würde es mit ihren spitzen Zähnen bald durchlöchern. Aber gleich einer Mutter nahm "Coco" das Püppchen wie ein Junges in ihre Obhut und trug es meist mit sich und umschloß es im Schlaf mit beiden Armen. Sah nun eine fremde Person nach "ihrem Kind" oder wollte es gar anfassen, drohte "Coco" mit hochgezogenen Augenbrauen und setzte zum wütenden furchtlosen Angriff an, um das Junge zu verteidigen.

Ab und zu kamen Spaziergänger an unserem auserwählten Waldplätzchen vorbei. Dann machte es uns stets eine besondere Freude, wenn die Menschen plötzlich ganz überrascht und etwas ungläubig emporblickten. Unser schönstes Erlebnis war einmal, als ein elegant gekleideter Herr das springende Tier über sich entdeckte. In aller Ruhe zückte er seinen Photoapparat und versuchte sein Glück. Doch nach wenigen Minuten riefen wir "Coco", um dem Wanderer das Knipsen zu erleichtern. Er war darüber so erstaunt, daß der kleine Affe zu uns gehörte und nicht in den Wald. 

Bis zu fünf Stunden erfreute sich "Coco" in der Freiheit, wobei sie oft von den Bäumen sprang, um uns zu necken oder am Kaffeepicknick teilzunehmen. Stiegen wir dann in den Wagen, kletterte das kleine Ungetüm beim Motorengeräusch im letzten Augenblick durch das offene Fenster und ließ sich die Leine anlegen. Sie benötigte sehr viel Liebe und Verständnis für ihre zahlreichen Untaten. Zweimal in den 17 Jahren mußten verängstigte Nachbarn die Polizei um Hilfe rufen, als "Coco" durch geöffnete Fenster eingestiegen war und versuchte, den Kühlschrank zu öffnen, um ein Ei zu stibitzen.

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Ihre frühere Heimat mit den riesenhaften Bäumen hat "Coco" nicht wiedergesehen.  Ihr Grab fand sie nach einem glücklichen und abwechslungsreichen Leben in dem geliebten Wald des Bergischen Landes.

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